Im Netz entwickelt manches schnell eine Eigendynamik. Charmante respektive sinnfreie Memes entstehen genauso rasch wie Hypes respektive Shitstorms – und entschwinden oft wieder ohne nennenswerten Nachhall. Es geht natürlich auch immer mal anders.

Vor einigen paar Tagen ging – unter anderem, aber keineswegs ausschließlich angefacht von der Debatte um Rainer Brüderles unsäglichen Anbaggerversuch bei einer Journalistin – ein #aufschrei durchs deutschsprachige Netz. Es hagelte Tausende zutiefst emotionale, bewegende und zum Teil verstörende Dokumentationen von männlichem Fehlverhalten, das Frauen – oft erstmalig, weil sie nie zuvor den Mut hatten, sich öffentlich zu ihren verletzten Gefühlen zu bekennen – einfach mal aufschrieben. #aufschrei war das erste deutschsprachige Meme, dass es bis in die Hauptnachrichtensendungen des deutschen Fernsehens schaffte, und die damit eskalierende Sexismus-Debatte in den Feuilletons, Talkshows und Blogs rüttelte die Republik auf.

Für betroffene Frauen, die sich allein gefühlt hatten, wie für nicht-betroffene Frauen und Männer, wurde das erschreckende Ausmaß des Alltagssexismus in Deutschland sichtbar. Ich kann nur spekulieren, welches Gefühlskaleidoskop beim weiblichen Geschlecht herrschte, und maße mir daher keine Schilderung dazu an. Diese findet sich schließlich zuhauf im Netz. Auf Seiten der Männer – auch bei mir – machte sich jedenfalls Betroffenheit breit, weil manche Erlebnisse der Frauen für sie bis dahin unbekannt oder sogar undenkbar waren. Viele äußerten öffentlich, dass sie auch ihr eigenes Verhalten in ganz neuem Licht sehen, weil sie bislang die Wirkung unterschätzt hatten, die die alltäglichen sexuellen Anspielungen und Übergriffe in ihrer Gesamtheit auf Frauen machen. Trotz aller dadurch aufgewühlter Gefühle war dieses Bewusstwerden ein echter Glücksfall für unsere Gesellschaft.

Als allerdings, wie es im Internet fast zwangsläufig ist, von diversen Vollidioten auch Spott und Häme unter dem Hashtag gepostet wurde, waren nicht nur viele Frauen empört, was sich durch die emotionalisierten Umstände der Debatte erklärt. Auch Männer kritisierten den oft pietätlosen und unsensiblen Spott öffentlich. Zurecht schwoll vielen ebenfalls der Kamm, als die öffentliche Aufarbeitung der Debatte zu bizarren und/oder erschreckend unreflektierten Konstellationen führte: Weibliche Idole verbreiteten steinzeitliche Rollenklischees. Schmierige Aufreißertypen feierten ihre eigene Geilheit. Männer fühlten sich fälschlich pauschal als Täter diffarmiert. Unbelehrbare Alphatiere relativierten sexistische Übergriffe von Männern immer wieder dadurch, dass es ja schließlich auch gleichermaßen schlimme Übergriffe von Frauen gäbe, die zu wenig berücksichtigt würden, aber exakt genauso schlimm seien. Eine Ausgeburt von Fremdscham.

Die schwelenden Missverständnisse im Umfeld von #aufschrei, und da kommt eine persönliche Betroffenheit in diesen Artikel, beeinflussten auch eine Diskussion, bei der ich beteiligt war. Diese möchte ich hier dokumentieren. Worum ging’s?

Es gab also eine Situation, in der zwei (pubertierende) Frauen sich vorgenommen hatten, die vermutete Zuneigung eines (ebenfalls pubertierenden) Mannes zu seinem wirtschaftlichen Nachteil auszunutzen. @ppMite postete dies, weil er die Situation zurecht für kritikwürdig hielt. Auch das ist nämlich Sexismus.

Auf diese 139 Zeichen reagierte eine Leverkusener Piratin mit Kritik:

Auf mehrere Nachfragen, was an diesem Tweet so verurteilenswert sei, fand ich eher wenig stichhaltige Antworten. Er mache sich über #aufschrei lustig und sei daher „frauenfeindlich“. Kritisiert wurde, dass „sexistische Sprüche“ mit „sexuellen Übergriffen“, für die der Hashtag stehe, gleichgesetzt würden. Außerdem sei Sexismus ein generelles Problem der Leverkusener PIRATEN.

Dazu kann ich nur feststellen, dass ich nichts Frauenfeindliches darin sehen kann, wenn jemand eine Situation, in der sich Frauen objektiv falsch verhalten, schildert. CMIIW. Es hat nichts Relativierendes, weil es nur benennt und eben nicht gleichsetzt. Ich finde es außerdem erschreckend unlustig. Eine solche Situation, wie sie durchaus auch alltäglich ist, verschwindet aber nicht einfach deswegen, weil jemand lieber davor die Augen verschließen will. Sie zu schildern, relativiert keineswegs die zu verurteilenden Handlungen von Männern gegenüber Frauen. Sie weist nur darauf hin, dass auch Frauen bisweilen sexistisch handeln. Mehr nicht. Außerdem wurden mit dem Hashtag viele Situationen benannt, in der Männer durch sexistische Sprüche übergriffig wurden, was bedeutet, dass keineswegs nur sexuelle Übergriffe damit zu verbinden sind. Und genau eine solche Situation ist geschildert worden. Kritik daran ist IMHO völlig legitime Meinungsäußerung.

Ich dokumentiere mal, was ich daher gepostet habe:

In der Folge wurde auch ich geblockt. Mit dem Block komm ich klar, auch wenn es für kräftiges Augenrollen bei mir gesorgt hat. Ich halte die Filtersouveränität für ein hohes (und viel zu selten eingesetztes) Gut. Jeder hat das Recht auf freie Meinungsäußerung, aber niemandem erwächst daraus das Recht, gelesen zu werden. Genauso wenig gibt es für andere eine Verpflichtung, die eigenen Texte zu lesen. Wo kämen wir denn da hin, wenn wir alles lesen müssten, was irgendwelche Schwachmaten ins Netz kübeln?1

Irritiert bin ich jedoch über die (zumindest von mir als solche empfundene) Überempfindlichkeit besagter Person, die nicht nur den zwei Männern, mit denen sie darüber diskutierte, sondern auch gleich pauschal allen Leverkusener PIRATEN Sexismus vorwarf. Ich überlasse es dem geneigten Leser, zu beurteilen, was an meinen Äußerungen „sexistisch“ gewesen sein soll.

Es wäre schade, wenn die Debatte um Sexismus dazu geführt hätte, dass sich kein man Mann mehr trauen dürfe, kritisches Verhalten von Frauen zu benennen. Es wäre ebenso schade, wenn es einen weiblichen Alleinbenutzungsanspruch an das Hashtag gäbe. Das sagt #aufschrei nach meinem Verständnis jedoch nicht aus, und die FAQ dazu scheint mir recht zu geben: „Eine Grenzüberschreitung ist eine Grenzüberschreitung ist eine Grenzüberschreitung.“

Nach meinem Verständnis ist ein wichtiger Aspekt der #aufschrei-Debatte die Forderung nach gegenseitigem Respekt, und dies benennt auch Anne Wiezorek in der bereits genannten FAQ. Dies bedeutet meiner Meinung nach, dass jeder bewusst auf Alltagssexismus beiderlei Geschlechts reagieren sollte. Sich diesen zu bewusst zu machen und ihn dann zu benennen, hilft, aktiv an der Verbesserung der Gesellschaft mitzuwirken. Dazu gehört aber, dass jeder sich den Schattenseiten des Verhaltens der eigenen Geschlechtsgenossen und -genossinnen stellen sollte. Nur ein solch reflektiertes Verhalten kann zu einer nachhaltigen Verbesserung sorgen. Frauen und Männer sind gleichberechtigt. Tun wir was dafür, dass das tatsächlich so sein kann.

Fußnoten:

  1. Die Mailinglisten der Piratenpartei wären vermutlich um einiges entspannter und produktiver, wenn diese Erkenntnis endlich mal um sich greifen würde. []

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3 Kommentare zu “Schrei, wenn Du darfst

  1. Ich erklär´s dir:
    Der Tweet von @PPMite schildert oder benennt nicht „nur“, er fordert #aufschrei für eine blöde Bemerkung von zwei „Mädchen“. Viele Männer haben unter #aufschrei ihre Erfahrungen mit sexueller Belästigung geschildert. Find ich gut. Die Situation aus dem Tweet ist imho keine sexuelle Belästigung oder Sexismus. Trotzdem: Nur Schildern, kein Problem . Einen #Aufschrei für Männer zu wollen ist imho Blödsinn. Einen Einblick in die Relationen gibt ein Statement der Uni Bielefeld zur „Sexismus-Debatte“ :http://www.uni-bielefeld.de/psychologie/ae/AE05/Diehl_Rees_Bohner_Kommentar-zur-Sexismus-Debatte_lang_2013-02-07.pdf . „Der Hinweis, dass auch weiblicher Sexismus existiert,“ unter dem hashtag #aufschrei verschiebt diese Relationen. Deine Unterstellung von „Überempfindlichkeit“ ist die Abwertung eines Menschen und geht gar nicht.

  2. Ich erklär’s Dir auch gerne noch mal sehr geduldig, weil es im Mumble-Gespräch vor lauter Diskussions-Kreisverkehr nicht recht angekommen ist: Der Hinweis auf das Verhältnis von geschlechtsbezogenem Fehlverhalten wird gerne gebracht, um eine von mir überhaupt nicht gemachte Relativierung, von der ich mich im Artikel ja auch bereits selbst distanziere, zu falsifizieren. Dass es auch weibliches Fehlverhalten gibt, ist durch die Studie gerade nicht wegzudiskutieren, und ich habe nie behauptet, dass dieses Fehlverhalten mit männlichem Fehlverhalten zu verrechnen sei oder weibliches Fehlverhalten männliche Übergriffe entschuldige. Das wäre völliger Blödsinn.

    Und nochmals: Unter #aufschrei wurden alle Ausprägungen vom Sexismus gepostet, bei denen dumme und dreiste Sprüche einen großen Anteil hatten, was nicht verwunderlich ist, weil einer der Auslöser ja Brüderles „Sie können ein Dirndl aber auch ausfüllen“ war. Auch diese respektlosen Sprüche gehören zum Alltagssexismus, der zurecht kritisiert wurde und wird. „Eine Grenzüberschreitung ist eine Grenzüberschreitung ist eine Grenzüberschreitung.“ Wenn aber auch diese Sprüche als Grenzüberschreitungen kritisiert und mit dem Hashtag #aufschrei gepostet werden, dann ist es inakzeptabel, wenn Hinweise darauf, dass derartige Respektlosigkeiten in Form von sexuell motivierten weiblichen Übergriffen nicht als solche bezeichnet werden dürften, weil es ja so viele sexuell motivierte männliche Übergriffe gäbe. *Das* wäre eine Verrechnung.

    Wir haben uns im Gespräch darauf einigen können, dass das geschlechtsbezogene Respektlosigkeiten grundsätzlich abzulehnen sind. Wir sind uns uneins, ob dies beides als Sexismus bezeichnet werden kann, und wir werden diese hier auch nicht klären können.

    Was ebenfalls aufgrund unterschiedlicher Interpretationen nicht geklärt werden kann ist Folgendes: Wenn ich Akis Reaktion als Überempfindlichkeit werte, ist dies eine subjektive Einschätzung, die genauso legitim ist wie Deine Reaktion, dass es dreist sei, dass ich mich auf der Mailingliste gemeldet habe. Ich kann nichts Dreistes daran sehen, dass ich mich auf einer Mailingliste zu Wort melde, auf der Irreführungen, Verzerrungen und Lügen über mich verbreitet werden. Du magst Dich dadurch gestört fühlen. Du magst es auf der anderen Seite nicht nachvollziehen können, dass ich Akis Block auf meine oben dokumentierten (IMHO sehr sachlichen Hinweise) als überempfindlich empfinde – eine Einschätzung, der sich übrigens sämtliche überwiegend weibliche Personen, mit denen ich im privaten Umfeld über die Situation gesprochen habe, vollumfänglich angeschlossen haben. So daneben scheint diese Einschätzung also nicht zu sein. Wenn Du dies dennoch als Abwertung einer Person empfindest, gestehe ich Dir dies gerne zu. Es ist aber dann wohl eben nicht mehr als Deine legitime persönliche Meinung. Ich hingegen empfinde Ihr Verhalten auch weiterhin als zunehmend übertrieben, und sehe in ihren weiteren Äußerungen immer mehr Belege dafür (z.B. wenn sie https://twitter.com/die_socke/statuses/302143489821523969 als Schuldzuweisung ihr gegenüber bezeichnet). Dies finde ich schade, weil ich Ihre Mitarbeit und Beiträge immer geschätzt habe und auch weiterhin offen bin, dieses dramatische Missverständnis endlich auszuräumen.

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